"Anders Bild als Abbild"

Daniel Spanke

 

in Friederike Feldmann 21 Bilder, Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln, 2008

 

Anders Bild als Abbild
Friederike Feldmanns Bildkonzept in „Altären“, „Teppichen“ und „gestischen Malereien“

Die Entwicklung der Malerei von Friederike Feldmann ist ganz erstaunlich. 2005 hatte ich die Künstlerin eingeladen, sich mit einigen Werken ihrer aus pigmentierter Silikon-Acrylmasse gemalten Serie von „Altarbildern“ an einer Ausstellung zu beteiligen, die sich Chancen und Risiken des religiösen Bildes gewidmet hat[1]. Diese „Altarbilder“ haben etwas merkwürdig Indirektes. Ihre Abbildlichkeit scheint sie mehr vom dem zu entfernen, was sie abzubilden vorgeben, als dass sie es vergegenwärtigen. Sie erinnert mehr an Postkarten von Altären und spiegelt eher diese schon abbildförmige Seherfahrung wieder, als an ein tatsächliches Altarbild, geschweige denn, dass sie für ein solches einstehen könnten. Es sind „Altäre“, keine Altäre. Die mediale „Doppelbelichtung“ des Bildes in diesen Werken bringt das Abzubildende in eine Entfernung, die der Wirklichkeit um so mehr entspricht, als dass gerade sakrale Bilder immer schon der Vortäuschung falscher Tatsachen (und somit der Ketzerei) bezichtigt wurden. Diese „Abbildungsferne“ hat zum ersten mit dem überschaubaren Format der Werke zu tun, die eine optische Verfügbarkeit bedingt - und zum zweiten ganz entscheidend mit ihrer geradezu informell anmutenden Malweise. Friederike Feldmann formt diese Bilder fast mehr aus zum Teil aus einer Spritztüte gedrückten Farbwürsten, als dass sie sie malt. Einen Bildträger braucht die in sich stabile Silikon-Acrylmasse schon gar nicht mehr. Farbe und Bildkörper sind hier identisch. Die geformte Gestalt entwickelt ein Eigenleben, die das Abbild zwar in sich trägt, aber wie eine Materialmalerei zugleich auch ein Objekt eigener Wirklichkeit in die Welt setzt.

Das Verhältnis von Bild und Abbild, von Werk und der Durchsichtigkeit auf eine Dinglichkeit, die materiell ganz anders beschaffen ist, als das Werk selbst, zieht sich wie ein Grundthema durch die künstlerische Arbeit von Friederike Feldmann. Denn in einer späteren Serie, den Teppichen, beschäftigt sich die Künstlerin mit einem Thema, dem diese irritierende Verflechtung per se inne ist: dem Ornament. Ist nicht das Ornament selbst, schon bevor es in irgendeinem Material verwirklicht ist, ein Bild, das auch wenn es gezeichnet werden muss ein abstraktes, gleichsam gedankliches ist, das in unterschiedlichsten Techniken und Zusammenhängen angewendet werden kann? Gerade dass das Ornament in unterschiedlichsten Bildtechniken (Zeichnung, Teppich...) dasselbe bleibt, offenbart seinen abstrakten, von Materialität unabhängigen Charakter. Dem Teppich wird das Muster eingeknüpft. Von diesem Bild, das er trägt, ist er gar nicht mehr zu trennen. Kein Zweifel: Friederike Feldmanns Werke dieser Serie sind keine Teppiche, sondern als auf Keilrahmen gespannte und mit Silikon- und/oder Acrylfarbe bemalte Jute Gemälde. Dennoch kommt die ebenfalls textile Wirklichkeit von Teppichen gerade dort besonders zum tragen, wo die Künstlerin in ihrem Bild Löcher der Malerei zulässt. Auch bei einem geknüpften Teppich wird, wo kein Flor mehr wäre, das gewebliche Grundgerüst aus Kette und Schuss sichtbar. Und Friederike Feldmann verwendet nicht nur eine grobmaschige Jute, die tatsächlich wie ein Stramingewebe aussieht, auf dem zu knüpfen wäre. Auch die wiederum sehr pastose Malweise, die an den Stellen, wo der Pinsel vom Farbstrang abgehoben wurde eine kleine abstehende Spitze formt, kommt der Vorstellung von etwas haptisch Erfahrbarem, Fühlbarem wie einem Teppich entgegen. Ten Years After nennt Feldmann diese Bilder.[2] Und doch hat die Künstlerin nicht einfach vergehende Teppiche abgebildet. Denn die unregelmäßigen malereifreien Stellen entwickeln eine ganz eigene Formkraft und ein Gesamtbild, so dass im Zusammenspiel mit der „widerborstigen“ Malweise verhindert ist, dass sich das Werk zu einer rein abbildenden Oberfläche zusammenschließt und verdichtet. Auch die Werke der Ten Years After-Serie sind ganz anders Bild, als sie Abbild sind.

Genau diese widerborstige Malweise gibt Friederike Feldmann in der jüngsten Phase ihres Werkes mit gestisch die Bildfläche auslotenden Pinselstrichen nun auf. In diesen Arbeiten, Gemälden auf Jute und Leinwand sowie auch Wandmalereien, wendet sie sich verstärkt der Formkraft der Leerstelle im Bild zu. Sie treibt noch stärker einen Keil zwischen ihre Bilder und das Abbild, indem sie die expressive, informelle Malerei in ihrem Bild selbst gar nicht mehr verwirklicht, sondern als selbsterstellte Vorlage benützt, die sie, auf die Trägerfläche projiziert, sorgfältig negativ abmalt. Dass heißt, die Künstlerin malt auf dem Bild mit eher dünner, gleichmäßiger Farbe und pigmentierter Tinte um die Pinselstriche der Vorlage herum - malt als Bild also gerade die Zwischenräume, die „Löcher“ des Abbildes. Die von ihr gezeichneten gestischen Vorlagen beziehen sich tatsächlich auf die informelle Malerei der 1950er und –60er Jahre. Diese Vorbilder sind jedoch nur Mittel zum Zweck, nicht eigentliches Werk. Friederike Feldmann benutzt ihren kunsthistorischen Bezug genau so, wie sie auch Altarpostkarten oder Teppichvorlagen aus Werbesendungen für die Werke ihrer vorhergehenden Serien verwendet. Erneut wird der konzeptuelle Ansatz der Künstlerin, in der Differenz zum Abbild Bild zu gewinnen, deutlich. Es geht ihr um das Bild, das aus der Malerei und sogar gegen die Malerei zu gewinnen ist. Das Werk überschreitet das Vorbild im Abbild durch das neu geschaffene Bild.

Analog zu den „Altären“ und „Teppichen“, wobei die Anführungszeichen als Anzeiger einer (nämlich auf ein Bild) übertragenen, nicht-wörtlichen Wortbedeutung wesentlich sind, könnte man diese neue Werkserie auch als „gestische Malereien“ bezeichnen.[3] Denn in ihnen wird das Bildfeld gleichsam mit einer Handbewegung, die durch die Pinselstriche sichtbar bleibt, bis zu den Grenzen durchpflügt. Wenn man das Bild gerade in der Moderne als eine Struktur beschreiben könnte, eine Fläche zu bedecken, thematisieren diese „gestischen Malereien“ das Bildfeld deshalb in besonders selbstbezüglicher und sinnfälliger Weise. Sie sind Bilder von Bildern und Malerei von Malerei.

Weil diese Bilder gegenüber ihren eigenen Grenzen mit ihrer Binnenstruktur empfindlich reagieren, können sie auch sensible Beziehungen zum Raum aufnehmen, in dem sie sich befinden. Es ist nur konsequent, das Friederike Feldmann mit diesem Plan für Bilder auch auf die Wand selbst geht. Das Bild ist dabei der Wand nichts mit einem Bildkörper Aufgesetztes und Mobiles mehr - einer Leinwand auf Keilrahmen etwa -,  sondern geht in die Wand ein. Und gerade die Pinselstriche, um die die Künstlerin herum malt und die sie ausspart, waren immer schon die Wand selbst. Und so ist da keine freie Stelle mehr; da ist keine Stelle die auf der so bebildertern Wand nicht Bild wäre. Erst mit diesen Bilderwänden wird sichtbar, das auch einem solchen Raum Form, eine besondere Gestaltqualität, zukommt, in diesem Falle eben jeweils eine „Feldmannbildraumform“. Diese Form wird geprägt durch das spezifische Erkenntnis- und Gestaltungsinteresse von Friederike Feldmann. Weil dieses künstlerische Interesse sich jedoch auf Eigenschaften von Bildern als unser kulturelles Organ für Wirklichkeit bezieht, kann die von der Künstlerin gestaltete Form die Gestalt der Wirklichkeit auch tatsächlich erfahrbar machen.