Chère Vitrine (I)

Gerrit Gohlke

 

Pressetext zur Ausstellung Chère Vitrine (I), Brandenburgischer Kunstverein Potsdam, 27. Januar 2013 bis 26. Februar 2013


Etwas mehr als ein Jahr nach Frank Nitsches vielbeachtetem Projekt „HELLO CHINA“, der ersten Arbeit für die Fassade des Ausstellungspavillons auf der Freundschaftsinsel, verwandelt sich das Gebäude des Brandenburgischen Kunstvereins abermals in ein Schauobjekt für die Öffentlichkeit. Die in Bielefeld geborene, in Berlin lebende Malerin Friederike Feldmann hat die Scheiben der Glasfassade als Bildträger verwendet und die Anfang der Siebzigerjahre entstandene Architektur zu einer Projektionsfläche abstrakter Zeichen gemacht. Der Raum wird zur Skulptur und bleibt doch ein Bild.

Zunächst lässt sich nur sagen, was Friederike Feldmanns Zeichenketten nicht sind. Zwar gleichen sie den Schwüngen, Ansätzen, Kehren und Kreuzungen einer zügig dahineilenden europäischen Handschrift. Die gleichmäßigen, wohl eingeübten Linien und Bögen folgen aber keinem Alphabet. Keine der Handbewegungen Feldmanns hat zu einem mit dem Leser verabredeten Zeichen geführt. Nur die Malerin kennt den Grund, warum am Fuß einer Zeile der Pinsel wieder nach oben stößt, wann er sich oben neigt und wo er sich am Ende einer abgemessenen Anzahl von Bewegungen vom Bildträger löst, um kurz darauf mitteilsam wieder anzusetzen. Ist eine Schrift auch dann ein Text, wenn er keine Buchstaben enthält? Ist ein Bild, wenn es Buchstaben gleicht, Schrift? Ist eine Geste, die sich völlig der Konvention von Zeilenhöhen und -längen verschreibt, überhaupt ein Bild? Und wenn ja, ist es konkrete Schrift oder abstraktes Muster?

Klar wird schnell, dass Friederike Feldmanns Malerei mit all den Konventionen von Schrift und Bild wetteifert, die Bedeutungslosigkeit aber stets Sieger bleibt. Wir erfahren von ihr nicht, wie Schrift entsteht, sondern sehen, wie sie eine Form konstruiert, die sich zur Konvention verdichtet, eine gleichmäßige Schönheit erzeugt und am Ende wie eine handschriftliche Signatur davon kündet, dass sie von einem Individuum gemacht worden ist. Der Verdacht kommt auf, Kunst könne immer so sein, also stets vor allem ihr Gemachtsein in den Vordergrund rücken, ohne dies freilich so überaus kühl einzugestehen. Denn auch was hier, von allen Bedeutungen gelöst, wie die reine Geste erscheint, ist bei Friederike Feldmann konstruiert, komponiert, formalisiert. Die Schrift ist in doppelter Hinsicht eine Täuschung, weil sie sich auch dann nicht als freihändiger, körperlich-subjektiver Ausdruck der Künstlerin erweist, wenn man bemerkt, dass die Zeichen gar keine Buchstaben sind. Alles, was hier sichtbar wird, ist gezeichnet, entschieden und am Computer montiert. Die Malerin ist eine Architektin der Zeichen. Sie entwirft ihre Malereimuster wie eine Baumeisterin.

Auf den Pavillonscheiben in Potsdam, spitzt sich Friederike Feldmanns Methode radikal zu. Denn kein Nesselstoff trägt die Zeichen an der Wand wie auf ihren gleichartigen Gemälden der vergangenen Jahre. Das Glas verweist hinter den Zeichen auf einen leeren Raum. Wer jedoch während der sonntäglichen Öffnungszeiten prüfend den Raum betritt, entdeckt nicht den Schlüssel zu den Zeichen, die Erklärung der Abstraktion. Von innen wie von außen zeigt sich, dass der Schlüssel für den Umgang mit diesen Chiffren nur unser Sehprozess selber ist. Wir sehen die Zeichen, durchdringen die Scheibe und haben die dünne, farbige Bedeutungsschicht durchstoßen, ohne gebremst zu werden. Unsere Sehnsucht nach einem künstlerischen Geheimnis wird zurückgewiesen.

Es gibt einen Punkt, schreibt die Kritikerin Silke Hohmann in einem bemerkenswerten Text über Friederike Feldmann, „an dem das Auge sein Wissen vergisst und von vorne anfängt, um den ganzen Weg abzuschreiten.“ Hinter dem Glas ist vor dem Glas. Der Pavillon ist eine Buchseite im weitläufigen Garten, die uns zu nichts anderem auffordert, als Garten, Raum und Zeichenketten immer wieder von vorn zu lesen und dem Sehen größere Aufmerksamkeit zu schenken.

So wird auffälliger als sonst, wie sehr wir beim Betrachten von Bildern Sinn abrufen, in den gemalten oder fotografierten Raum einzudringen versuchen und uns von unserem bloßen Hinschauen die Aufklärung von Geheimnissen und die Offenbarung von Wahrheiten erhoffen. Die dünne Schicht der Farbpigmente auf den Pavillonscheiben lässt uns der Handbewegung einer Malerin folgen, ohne uns ihr einverständig anschließen zu können. Der Blick trifft den Raum und gleitet durch ihn hindurch oder an ihm vorbei.

Das ist ein ernst zu nehmender Kommentar dazu, wie unser Bewusstsein mit den Zeichenfolgen umgeht, die uns überall sonst umgeben und täglich und überall Bedeutungen und Wahrheiten vorgaukeln.