Eröffnungsrede, Oldenburger Kuntverein

Susanne von Falkenhausen

 

 

Friederike Feldmann und Alexander Wagner im Oldenburger Kunstverein, Eröffnungsrede, 18.11.2016



Friederike Feldmann und Alexander Wagner sind Hochseilartisten. Sie spannen ihr Seil exakt über jener vielumkämpften Linie oder Grenze auf, an der Figur und Abstraktion aufeinander treffen. Figur ist das, was wir wiedererkennen – wiederzuerkennen meinen; Figur ist das, was die Malerei mit der sogenannten Wirklichkeit verbindet. Eine Verbindung, die eng oder locker sein kann. Abstraktion dagegen ist das, was Malerei von der sogenannten Wirklichkeit löst, trennt, was der Malerei eine gewisse Autonomie verleiht – aber eben nur „leiht“?
Denn es gibt Transportwege zwischen Abstraktion und Figur, über diese Linie hinweg, einen kleinen Grenzverkehr in beide Richtungen. Feldmanns und Wagners Malerei allerdings beschreitet diese Wege nicht, sie kreuzt sie vielmehr auf ihrem Seil, ohne sich von dem Hin und Her unten aufhalten zu lassen. Denn diese Transportwege verlaufen in der Imagination der BetrachterInnen, angetrieben von der immer wiederkehrenden Frage: Was ist denn DAS? Sie wird Ihnen auch in dieser Ausstellung begegnen. Erinnerungsbilder tauchen auf – aber das ist doch…, dann wieder verdrängt von der visuellen Präsenz eines „FORMereignisses“, ein Begriff des Kunsthistorikers Otto Pächt. Form lässt das Gesehene gleichzeitig fremd und vertraut erscheinen. Pächt, vor den Nazis geflüchteter und erst spät nach Wien zurückgekehrter Professor, rang mit dem Problem, wie ein Kunstwerk der Vergangenheit gesehen werden muss, um Erkenntnisse zu gewinnen, die diesem gerecht werden. Sein Appell an die werten KollegInnen war: Schaut das Kunstwerk als Formereignis an, bevor Ihr nach seiner Bedeutung sucht; lasst es in seiner Fremdheit erst einmal stehen, bevor Ihr ihm Interpretationen aufdrückt, die mehr mit Euch als mit dem Kunstwerk zu tun haben. Sein Beispiel war eine mittelalterliche Buchmalerei mit der Szene des Moses, der die Gesetzestafeln empfängt. Der Inhalt war also hinlänglich bekannt, aber die Formen, mit denen eine vorgebliche Wirklichkeit (ein Fluss, Bäume, Berge usw.) für die Umgebung dieser so bekannten Szene dargestellt wurde, waren den BetrachterInnen des 20. Jahrhunderts FREMD. Sie glichen keiner Wirklichkeit im modernen Sinne der Nachahmung, sie konnten vertraut werden nur als Formereignis. Der Wahrnehmungsweg, welcher die Künstler vom Anblick eines Flusses zu jenen Formen geführt hatten, mit welchen sie ihn darstellten, war für die betrachtenden Kunsthistoriker Jahrhunderte später nicht mehr nachvollziehbar.
In dieser Ausstellung hat Friederike Feldmann Alexander Wagner auf ihr Hochseil gebeten. Sie spielen nun ein anderes Spiel: Ihre Formereignisse lassen Vertrautheit erahnen, um sie dann aber bei näherer Betrachtung weder zu bestätigen noch zu widerlegen. Ganz anders also als der Trompe-l´oeil, der Vertrautes so exakt und vor allem eindeutig aufruft, dass z.B. der berühmte Vogel der Zeuxis-Legende an den gemalten Weintrauben pickte. Aber Feldmann und Wagner treiben nicht nur ein Spiel mit der Wahrnehmung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, sondern auch mit dem Verhältnis von Fläche und Raum, Figur und Grund, Opazität/Undurchsichtigkeit und Transparenz.
Wie verhalten sich zum Beispiel die Pinselstriche auf der Wand, die so breit sind, dass sie eher an das Vorgehen von Anstreichern denken lassen, die aber auch die Ästhetik gestischer Malerei aufrufen, zu den streng geometrisch geformten weißen Flächen – was ist vorne, was hinten, was Figur, was Grund? Apropos, Feldmann nannte eine andere ihrer Wandarbeiten „drunter und drüber“, oder, in einer Erweiterung um die dritte Schicht: „Die Wand malt mit“. Und rufen die Formen der weißen Flächen nicht auch eine gegenständliche Assoziation auf? Sind sie Aussparungen oder Applikationen? Gibt es da einen Schatten an ihren Rändern? Das würde bedeuten, sie sind appliziert. Und zwar so, dass sie nicht plan auf dem Grund aufliegen, sondern mit einem Schatten werfenden Abstand. Dann wiederum käme die dritte, die räumliche Dimension ins Spiel. Würde dann aus der Malerei eine plastische Arbeit? Auf jeden Fall  haben all diese Faktoren Konsequenzen für das Verhältnis der Malerei zum Raum.
Und was ist mit den Tafeln, monochrom schwarz oder mit Farbverlauf zwischen schwarz und weiß, mit dem Riss, der sie der Länge nach durchquert? Sie sind Alexander Wagners Intervention in diesem Raum, die auch eine  Auseinandersetzung mit Feldmanns Wandarbeit impliziert. Sie bieten nur auf den ersten Blick die Sicherheit eines eher statischen Formereignisses. Bereits ihr Gestus des Anlehnens bringt wieder Unruhe in die Verhältnisse. Im mittleren Raum dann konfrontieren Wagners Leinwände die Zeichnungen von Feldmann.
Alle Arbeiten dieser Ausstellung leben von der Mehrdeutigkeit ihrer Bezüge zu Raum und „Bild“-Grund. Das Sehen der BetrachterInnen wird auf eine Reise geschickt in die vibrierende Durchlässigkeit zwischen all den Faktoren dieser Formereignisse. So sind Wagners Bilder im mittleren Raum auf vier Zentimeter tiefe Keilrahmen gespannt, sodass sie zu Objekten werden. Zugleich vereinen sie auf unbehandelter Leinwand gleich mehrere Bilder, monochrome Farbflächen, mit Begrenzungen, von denen in alle Richtungen Tropfspuren herunterlaufen, welche die Frage aufwerfen, wie sie, und damit die Leinwand als Ganzes, zustandegekommen sind. Um dazu Vermutungen anstellen zu können, muss frau das Bild von Nahem betrachten. Beide, Wagner und Feldmann, arbeiten auf den Raum bezogen mit variablen Betrachterperspektiven. Da gibt es die Rundumsicht, mit der frau beim Eintreten in den Raum ein Ganzes zu erfassen sucht. Dann kommen die Irritationen; die Neugier und der Forscherdrang der BetrachterInnen sind geweckt, sie müssen sich in Bewegung setzen, nah herangehen, um zu ergründen, WAS sie sehen, und damit meine ich weniger einen womöglich mit der Form assoziierbaren Gegenstand als vielmehr die Beschaffenheit der Malerei. Und da das eine Sache individueller Wahrnehmung ist, will ich an dieser Stelle keine weiteren Hinweise aus der garnicht so geheimnisumwobenen Alchemistenküche dieser beiden MalerInnen geben – nur diesen: Sie geben durchaus Auskunft ohne die oft zu erlebende künstlergeniale Geheimnistuerei – Transparenz eben.
Feldmann hat auch auf Leinwand gemalt. Allerdings vewandelte sie die Leinwand in etwas Anderes – einen Teppich z.B., geknüpft aus dicken Ölfarbwürsten oder Silikon. Die Leinwand als Bildträger scheint sie einzuschränken, oder besser, ihre künstlerische Intelligenz zu unterfordern. Dagegen fungieren bei ihr die weiße Wand oder auch die Panoramafenster eines Ausstellungsraumes als Bildgründe und -träger – wenn man denn die Ergebnisse überhaupt als Bilder im Sinne von Gemälden einordnen will. Eben dies fällt schwer, weil diese „Bilder“, und mit ihnen auch die BetrachterInnen, intensiv mit dem Raum interagieren, während Gemälde ja in der Regel eine Autarkie ihres Bildraums gegenüber dem Betrachterraum behaupten, behaupten müssen, um „Bilder“ zu sein – eine  Behauptung, die wiederum Wagner mit seinen Leinwänden in mehrfacher Hinsicht ins Wanken bringt. Das erinnert mich an die Regeln, welche die Minimal Art Ende der 1960er Jahre GEGEN die Malerei ins Feld führte: nämlich mit ihren dreidimensionalen Werken, die nun Objekte hießen, den Raum der BetrachterInnen in Bewegung setzen, deren Laufwege stören, die kontemplative Ruhe beim Betrachten eines Bildes abschaffen, die BetrachterInnen mussten sich das visuelle Erfassen der Objekte erlaufen. Ganz so streng sind Feldmann und Wagner nicht, sie ziehen den Witz und die Neugier einem solchen Umerziehungsprogramm vor – und: Sie bleiben bei der Malerei.
Oder bei der Zeichnung: Wagners kleinformatige Arbeiten auf Papier lassen sich kaum als solche bezeichnen, denn sie vereinen Techniken, die nicht auf der Linie, sondern, wie die Malerei, auf der Farbe beruhen: Aquarell, Siebdruck. Nur selten sind allerdings die Spuren dieses „Malens“ zu sehen; der Siebdruck produziert Fläche ohne Binnenstruktur und wirkt technisch, das Aquarell kommt kunstlos daher wie ein Warholsches Malen nach Zahlen. Hier überlagern sich Formflächen und Muster, welche die Erinnerung an Figuren, wie zum Beispiel ein Reifenprofil, aufrufen, ohne mit ihnen etwas erzählen zu wollen.
Wagners Arbeiten auf Papier unterscheiden sich wesentlich von der Zeichnung im Sinne einer Linienzeichnung, auf die sich Feldmann bezieht - eine vom Schauwert eher zurückhaltende, kleinformatige Kunstgattung und ebenso altehrwürdig wie die Malerei. Sie wurde in ihrer langen Geschichte oft in dienender Funktion der Malerei praktiziert – als Ideenskizze, Vorzeichnung, Akt- oder Gewandstudie. Das Zeichnen geistert zwischen handschriftlichem Notat und Geste, zwischen Schrift und Bild, zwischen der nutzorientierten Aufzeichnung und nutzloser Phantasie, zwischen freier Form und Diagramm, zwischen Flüchtigkeit und Vollendung. Der Duktus der Zeichnung, mit Feder oder Stift, wurde seit der Renaissance mit aufwendigen Verfahren, die hohe Fertigkeiten erforderten, in Reproduktionsmedien wie den Kupferstich und die Radierung übertragen. Und wieder spannt Feldmann ihr Hochseil über den Grenzverläufen auf, exakt dort, wo der Kontrast zwischen diesen Qualitäten der Zeichnung/ des Zeichnens aufgehoben scheint. Aber auch, wie bei der Malerei, der zwischen Fläche und Raum: Die Zeichnungen sind für ihr Genre ungewöhnlich großformatig, und, das ist wichtig, sie liegen/hängen ungerahmt, ohne Glas und nicht völlig plan auf der weißen Wand – sie werfen also bei näherem Hinsehen schmale, unregelmäßige Schatten. So gehen sie enge Beziehungen mit der Wandfläche UND mit dem Raum ein. Das Weiß von Papier und Wand erzeugt zudem so etwas wie eine Transparenz von der Ebene des Gezeichneten hin zu seinem Grund, so, als ob die Zeichnungen auf die Wand notiert wären, aber eben nicht ganz (siehe den Schattenverlauf).
Und dann wäre da wieder der Faktor der ahnenden Erinnerung, der in dieser Serie aber so deutlich wie nie zuvor in Feldmanns Arbeiten zu einem Wiedererkennen führt: Aber das ist doch… Finden Sie es heraus. Über Feldmanns Vorgehensweise beim Zeichnen sollte sie selbst im Gespräch Auskunft geben. Wenn ich das hier erzählen würde, käme ich mir vor wie jene Spielverderber, die das Ende der Geschichte preisgeben. Über eine Sache gibt es allerdings keinen Zweifel: Feldmann ist eine virtuose Zeichnerin, was zur Folge hat, dass das Betrachten der Zeichnungen jenseits allen Rätselns über Konzept oder Prozess ein pures Vergnügen ist. Ihr Duktus erinnert mich wiederum an den Charakter der Linien, wie er im Kupferstich des 17. Jahrhunderts gepflegt wurde – in einer feinen Spitze einsetzend, in einem schwingenden Bogen anschwellend und in einer Spitze ausklingend. Nicht von ungefähr scheinen mir Metaphern aus der Musik hier angemessen. Diese Zeichnungen haben Rhythmus, Klang und dort, wo sich diese Linien zu Schraffuren verdichten, Akkorde.
Die Arbeiten von Feldmann und Wagner sind ohne ihre Bezüge zu Praktiken, Materialien, Techniken, Stilen und Sehgewohnheiten aus dem Baukasten Kunst nicht denkbar. Sie setzen diese, indem sie sie außerhalb des Gewohnten einsetzen, in Bewegung, versetzen sie in Schwingungen, um bei einer Klangmetapher zu bleiben. Auf das System Sprache übertragen, hieße das, sie demontieren die semantischen wie die syntaktischen Strukturen der Sprache Kunst, um sie anders zu remontieren. Das sind Verfahren der Lyrik, aber auch der Allegorik. Wollen wir ihren Arbeiten nun lyrischen Charakter zuschreiben, oder behaupten, sie seien Allegorien? Alles ist denk-bar.