"Die Autorin"

Birgit Effinger

 

Pressetext zur Ausstellung Die Autorin, 9.9. – 29. 10. 2012

 

Dort, wo in Berlin-Kreuzberg alljährlich in großen Lettern der Aufruf zum ersten Mai prangt, flatterte im letzten Jahr ‚Parole’, ein überdimensionales Pamphlet mit mysteriösen, nicht zu entziffernden Schriftzügen über der Straße. Nach kurzer Zeit wurde die Arbeit infolge ihrer sichtlich beunruhigenden Unlesbarkeit entfernt. 

Friederike Feldmanns aktuelle Arbeiten sind Schriftbilder, die nun als komplexes Set von Malerei, Papierarbeiten, Film und einer Dokumentation der Arbeit ‚Parole’ in der Galerie Barbara Weiss gezeigt werden. 

Feldmann malte mit ihrem vertrauten Schreibduktus schriftverwandte Liniengefüge, die wie handschriftliche Textgebilde anmuten. So verfestigen sich schwungvoll hingeworfene Linien in sukzessiven und immer anderen Schlaufen- und Zickzackreihen. Die entsprechend der konventionellen Schreibreihenfolge komponierten Quasi-Wörter fügen sich jedoch nicht zu einem linearen Text, der sich beim Lesen erschließt. 

Die visuelle Rhetorik dieser gemalten Schriftzüge vibriert zwischen ‚peinture’ und ‚écriture’ und lässt sich weder in Richtung Sprache, noch in Richtung ikonischer Qualitäten auflösen. Die gemalten Wörter und Texte lassen sich allenfalls als das lesen, was sie selbst sind: Als Camouflage einer authentischen Schreibbewegung, die ein eigensinniges und zielgerichtetes Formverhältnis von Linien und Flächen entwickelt. Dabei bildet der Duktus der persönlichen Handschrift ein kontingentes Gestaltungsmittel der eindeutigen Formverdichtung- und auflösung. 

Bei den Arbeiten handelt es sich im wortwörtlichen Sinne um Schriftbilder, die in erster Instanz nicht durch das, was sie repräsentieren sprechen, sondern die ausdrucksvolle Beschaffenheit der eigenen Handschrift exemplifizieren. Es ist dieses Wechselspiel zwischen dem Anspielungsfeld der Schrift und ihrer Situierung im Feld der Fläche, das den Blick belebt und ihn immer wieder auf die Stofflichkeit des Gemalten zurückwirft. Friederike Feldmanns geschriebene Liniengebilde artikulieren insofern visuelle Behauptungen im Feld der Malerei.