"Die Dekonstruktion des Informel"

Silke Hohmann

 

in Friederike Feldmann 21 Bilder, Verlag der Buchhandlung Walter König,
Köln, 2008

 

Die Dekonstruktion des Informel
Friederike Feldmann untersucht die informelle Malerei mit den Mitteln der Malerei

Friederike Feldmanns Malerei kommt eigentlich nach der Malerei. Denn sie thematisiert nicht, wie die Maler des Informel der fünfziger und sechziger Jahre, auf die sich ihre Malerei bezieht, in erster Linie das, was Pinsel und Farbe  mit dem Format der Leinwand machen. Sondern sie geht darüber hinaus, und untersucht in ihren Arbeiten das, was „zwischen den Strichen“ – in den Zwischenräumen, aber auch in der Zwischenzeit --  passiert. Damit versucht sie unter anderem, herauszufinden, was diese ehemals revolutionäre Kunstrichtung des Informel uns womöglich heute noch zu sagen hat.

Ihre Bilder und Wandarbeiten wirken auf den ersten Blick wie aus jener Zeit, als die informelle Malerei entstand und irgendwie stellvertretend für den Begriff „abstrakte Kunst“ – mit allen seinen Unverständlichkeiten und Tücken -  ins Allgemeinverständnis einging. War es doch eine Kunst, die nichts mehr mit offensichtlicher Kunstfertigkeit zu tun hatte. Diese Malerei gehorchte offenbar keinen Regeln und Motiven mehr und entzog sich so der über die Jahrhunderte eingeübten Gemäldebetrachtung: Diese Formen waren nicht zu dechiffrieren, nicht zu zerlegen.

Doch Friederike Feldmanns Gemälde sind in Wahrheit ausgesprochen kunstfertig erstellt, wenngleich das nicht ihr herausragendstes Merk­mal ist. Sie zerlegt tatsächlich ausgerechnet diese Formen. Das Gestische, Wilde, scheinbar Unbeherrschte, das sie auf Leinwände und Wände bringt, ist in Wahrheit das Ergebnis eines äußerst kontrollierten Prozesses der Übertragung. Man könnte sagen, in der Herstellung ihrer Bilder fängt sie den Malerei-Prozess in mehreren Schritten ein, destilliert ihn und sortiert ihn neu. Am Anfang steht tatsächlich die gestische Zeichnung. Doch dann reproduziert sie die Ursprungsversion, kopiert sie am Computer stellenweise um, so dass sich die Schwarz-Weiß-Verhältnisse umdrehen, überträgt sie auf Folie, multipliziert das Motiv, schafft Überlagerungen durch Projektion, „malt“ also mit anderen Mitteln weiter. Und trägt dann alles präzise auf die Leinwand oder die Wand auf.

Das Bild, tatsächlich mit Farbe und Pinsel gemalt, gibt vor, eine Überlagerung von Pinselstrichen zu sein, wobei der jeweils zuletzt aufgetragene den darunter liegenden überdeckt. Doch ist Friederike Feldmanns Produktionsweise anders aufgebaut als ihre Bilder glauben machen: In Wirklichkeit sind ihre Kompositionen erstellt als minutiöses Nebeneinander der Elemente, die in sorgfältigem Transfer auf die Leinwand oder die Wand gebracht sind. Die Malerin Friederike Feldmann geht analytisch mit Malerei um, wobei sie die Mittel der Malerei benutzt.

Das Malen von Bildern ist für sie gleichzeitig das Auslöschen von anderen Bildern. Vielleicht ist der Begriff „Ausschlussprinzip“ eine zutreffende Annäherung, um ihr Vorgehen zu beschreiben. Friederike Feldmann betreibt gewisser Maßen Ex-negativo-Malerei. Denn in ihren sorgsam durchdachten Umkopier-Verfahren wird die Leerstelle zum gemalten Motiv und der Pinselstrich zur Lücke. Die Aussparungen sind anwesend, die vermeintlichen gestischen Mal-Bewegungen eigentlich nicht da. Damit  formuliert die Malerin eine nicht geringe Herausforderung für das Sehen.

„Man sieht nur, was man weiß“ – dieser viel zitierte Goethe-Ausspruch wird meist dazu herangezogen, um eine Lanze für das Wissen zu brechen: Was wir nicht  wissen, bleibt uns verborgen. Je mehr wir wissen, desto besser sind wir in der Lage, unsere Welt zu erkennen. Nur das Wissen kann uns Mündigkeit geben, Urteilskraft und die Fähigkeit, richtige Einschätzungen zu treffen.

Dabei hat der Satz auch eine andere, weniger aufklärerische Seite:  Man könnte ihn auch – und das ist genau so wahr – so verstehen, als seien wir nur in der Lage, zu sehen, was wir ohnehin schon kennen. „Man sieht nur, was man weiß“ bedeutet also gleichermaßen, dass nur das, was bereits bekannt ist, gesehen werden kann, während alles Unbekannte ungesehen bleiben muss.

Können wir also nur die Dinge erkennen, die wir auch wiedererkennen? Das würde bedeuten, dass uns alles, was wir wissen, also die wir gelernt haben, im Weg stehen, weil sie uns daran hindern, neue Dinge zu sehen. Zumal gerade das Auge ein ausgesprochen wissensdurstiges und lernfähiges Organ ist. Es geht, um schneller an Informationen zu gelangen, Abkürzungen, sobald es den Weg zu kennen glaubt. Es vergewissert sich nicht jedes Mal aufs Neue über Zusammenhänge, Konstruktionen und Dimensionen, sondern verlässt sich blind auf sein Archiv. Nein, fast blind. Denn es gibt diesen Punkt, an dem das Auge sein Wissen vergisst und von vorne anfängt, um den ganzen Weg abzuschreiten. Das ist vielleicht das Beglückendste an Friederike Feldmanns Malerei: Dass sie uns in den Zustand versetzt, noch einmal so zu sehen, als sähen wir zum ersten Mal.